#Stochblog7: Dümmer, als die Polizei erlaubt

Wer diesen Blog liest, der ist im Netz unterwegs, und im Netz wird ja viel kommentiert und behauptet und gewusst. Das Netz quillt über von Leuten, die uns die Welt erklären können und für die jeder Mensch, der komplexe Sachverhalte nicht in einem Halbsatz zusammenfassen kann, ein ganz armer Willi ist.

Ich bin so ein armer Willi, denn ich bin überzeugt davon, dass die Welt sich nicht darum schert, wie leicht sie zu verstehen ist. Anders gesagt: Nur weil viele Zeitgenossen nur ganz simple Dinge verstehen können, wird die Welt nicht simpler.

Eine alte Tretmine für diese eher simpel gestrickten Leute ist der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Nur, weil sich zwei Dinge in zeitlicher Nähe ereignen, müssen sie noch überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Beispiel Nummer Eins: Oma wirft zwei Stück Zucker in den Tee, und draußen donnert es. Passiert zeitnah, hat aber nichts miteinander zu tun. Beispiel Nummer Zwei: 2015 kamen hunderttausende Geflüchtete nach Deutschland, es kam aber auch zu ersten Fahrverboten für Diesel-Pkw. Passierte auch zeitnah, hatte aber nichts miteinander zu tun (es gibt aber bestimmt Deppen, die den Geflüchteten auch noch die Fahrverbote anhängen wollen).

Kommen wir jetzt nach Stuttgart, in die Nacht vom 20. auf den 21. Juni. Also DIE Nacht. Ihr wisst schon. Alles, was mir wichtig ist, habe ich dazu schon gesagt, im Netz, in den Medien, im Landtag, auch bei der Polizei, die wir zwei Tage nach den Ausschreitungen besucht haben. Aber weil es mir wichtig ist, sage ich es gerne noch einmal: Gewalttätige Ausschreitungen wie in dieser Nacht gehen gar nicht, dafür gibt es keinerlei Entschuldigung. Und unsere Polizei, unsere Polizistinnen und Polizisten haben unsere volle Solidarität verdient, unseren Respekt, unsere Unterstützung. Und ich hoffe, dass sich alle Polizistinnen und Polizisten von den Verletzungen dieser Nacht erholen, den körperlichen wie den seelischen Verletzungen.

Damit ist das Wichtigste gesagt. Aber eben noch nicht alles. Denn es war schon wieder abenteuerlich, was seit dieser Nacht wieder alles kommentiert und behauptet und gewusst wurde. Und immer wieder gingen die allzu simplen Welterklärer in die alte Falle, die mit dem Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.

Ja, die Krawallnacht ereignete sich im Jahr der Corona-Pandemie. Aber hat sie deswegen irgendetwas mit Corona zu tun? Und wenn ja, warum dann nur in Stuttgart? Corona gibt es überall auf der Welt. Wieder andere erklären es uns mit der weltweiten Rassismus-Debatte, was nicht unmöglich, aber auch noch lange nicht evident ist. Noch simpler machen es sich die konservativen Law-and-Order-Sheriffs, die mit den üblichen Beißreflexen „die Linken“ als Auslöser sehen. Logischerweise waren alle die Randalierer von Stuttgart vorher auf Parteitagen der Grünen oder der SPD, dort wurden sie gegen die Polizei aufgehetzt. Man weiß ja, wie stark die Sozialdemokratie in dieser Szene den Ton angibt!

Und natürlich kommen auch wieder die, für die das alles nur an Migranten hängt, an Geflüchteten. Das ist super simpel und so schön einfach, man kann das Hirn nach einer Sekunde wieder auf Standby schalten und sieht sich bestätigt.

All das ist dümmer, als es die Polizei erlaubt. Und dabei darf es nicht bleiben. Es darf nicht sein, dass all der Unfug und all diese Halbwahrheiten im Raum stehen bleiben. Am ersten Wochenende nach den Ausschreitungen blieb es ruhig, noch ein paar solche Wochenenden mehr, und die Medien werden wieder abziehen, später wird die Polizei ihre Präsenz wieder verringern…

Nein, das ist zu wenig. Es ist richtig, dass sich solche Ausschreitungen nicht wiederholen dürfen, dass es die Stärke der Polizei braucht und die Härte des Gesetzes. Aber es braucht noch viel mehr.

Wer „All Cops are Bastards!“ ruft oder „All Cops are berufsunfähig“ schreibt, ist erschreckend blöde. Wer behauptet, die Polizei bestünde aus fehlerfreien Übermenschen, ist aber auch nicht wesentlich schlauer. Wenn wir eine gesamtgesellschaftliche Diskussion zum Beispiel über Rassismus führen (und das ist keine schlechte Idee), dann kann diese Diskussion nicht an der Polizei vorbei geführt werden. Wie sollte das gehen? Die Polizei ist Teil unserer Gesellschaft. Polizisten sind Menschen wie Du und ich. Und es wird sich bestimmt auch in der Polizei lohnen, über bestimmte Vorurteile zu reden.

Wer das schon für staatszersetzend hält, hat nicht viel verstanden von der Welt. Und er hat seine Welt eben lieber ganz simpel. Dem genügt aus der Stuttgarter Nacht ein Tonfetzen mit dem Ruf „Allahu akbar!“, und schon war alles ein islamistischer Anschlag. Und weil die Dummheit gleichmäßig verteilt ist, genügt auf der anderen Seite einen Tonfetzen mit dem Spruch „alles Kanaken“, und schon ist die Polizei an der Randale schuld. Jeder zementiert seine beschränkte Weltsicht. Eine prima Grundlage für die nächste Krawallnacht.

Aber zu der darf es nicht kommen. Und damit es nicht dazu kommt braucht es eben mehr als nur Polizeipräsenz und Alkoholverbote und Platzverweise und Videoüberwachung. Es braucht auch Ursachenforschung und Prävention. Und es braucht einen klaren Kopf, der nicht von Ideologien vernebelt ist. Das fängt schon bei der Ursachenforschung an. Niemand würde einem Kriminalkommissar vorwerfen, er sympathisiere mit einem Täter, nur weil er versucht zu verstehen, wie dieser Täter handelte, was er dachte. Regt man jedoch an, einmal herauszubekommen, was die idiotischen Randalierer in Stuttgart dachten, ist das manchem schon zu viel. Wozu die Ursachen erforschen, wenn man einfach auf die Symptome hauen kann?

Wer so denkt, lässt die Polizei alleine, und das mit einem Problem, dass sie alleine gar nicht lösen kann. Wir haben ein Problem mit Menschen, die den Staat und seine Regeln immer weniger akzeptieren, die es nie gelernt haben, dass sie sich auch einmal in eine Vorschrift fügen müssen. Ob das auch an der Herkunft hängt oder nur an schwacher Erziehung, ob es sich um einen spezifischen „Hass auf die Polizei“ handelt oder in Wahrheit nicht auch Sanitäter und Feuerwehrleute, auch Mitarbeiter von Ämtern oder Behörden immer übler angegangen werden – wir wissen es nicht. Das könnten wir ändern.

Und wir könnten uns daran erinnern, dass zu einem echten Sicherheitskonzept immer mehr gehört als nur Polizeipräsenz und der starke Arm des Staates. Das gilt auch für die, deren eigene Wählerschaft beim Wasserwerfer immer lauter jubelt als beim Streetworker.

Und schließlich: Wir haben eine gute Polizei. Eine richtig gute Polizei. Und richtig gut ist sie deswegen, weil sie immer versucht, alles noch besser zu machen als bisher. Wenn also unsere ganze Gesellschaft über Vorurteile oder Ungleichbehandlung nachdenkt, über Alltagsrassismus, bei dem es nicht um Tote und Verletzte wie in den USA, aber über unangenehme, unzeitgemäße und vor allem völlig unfaire Vorgänge geht, dann wird sicher auch unsere Polizei einige Punkte finden, an denen sie es noch besser machen kann. Auch und gerade deswegen stehen wir ja zu unserer Polizei.

Als wir vergangene Woche im Landtag über die Vorfälle von Stuttgart gesprochen haben, brach sich die Dummheit eines fraktionslosen Abgeordneten derart die Bahn, dass er am Ende aus dem Sitzungssaal getragen werden musste. Natürlich von der Polizei, von wem sonst. Ich würde mir wünschen, dass die Aufarbeitung der Stuttgarter Krawalle sich nicht in vorschnellen Urteilen und schlagzeilentauglichen Slogans erschöpft, sondern eine echte, eine nachhaltige Beschäftigung wird, eine Suche nach den Ursachen und nach dem, was zu tun ist. In Stuttgart und im ganzen Land, in der Polizeiarbeit wie in der Erziehung. Dafür sollten alle ihre gestanzten Phrasen und ihre Vorurteile über Bord werfen. Bevor die Polizei sie raustragen muss.

Euer
Andreas Stoch

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Meri

    Lieber Andi, danke für diesen klugen Blogbeitrag. Wir müssen generell aufhören, Symptome zu bekämpfen und endlich an die Ursachen gehen. Die Reaktionen auf die Gewaltausbrüche in Stuttgart zeigen lediglich reflexhafte Urteile, die an der Situation nichts ändern werden. Überrascht bin ich – obwohl es zu erwarten war – dass sofort ein Migrantenproblem erkannt wurde. Dabei haben 60% aller Jugendlichen in S Migrationsgeschichte. Es ist schlicht töricht, wenn der MP sofort in den Reflex „Integrationsproblem von Migranten“ verfällt. Es ist ein generelles Integrationsproblem, genau so wie Du es beschreibst.

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